-
Der deutsche Immobilienmarkt ist
sicherlich nicht eine Insel der
Glückseligen. Wie alle anderen
Wirtschaftsbereiche auch hängt
die Entwicklung von vielen
Faktoren ab. Über die sich
daraus ergebenden Tendenzen für
den Immobilienmarkt sprach
Immobilien Manager Reporter
Helmut Peters mit Professor Dr.
Norbert Walter von Deutsche Bank
Research, einem der führenden
deutschen Wirtschafts- und
Finanzanalyseinstitute.
-
-
Immobilien Manager:
-
"Herr Professor Walter, blicken
wir nochmals kurz auf das
vergangene Jahr zurück. War es
eher ein schlechtes oder ein
gutes Jahr für die Branche?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Die deutschen Immobilienmärkte
waren 1994 von rezessiven
Tendenzen geprägt. Dies betraf
vor allem den
Büroimmobilienmarkt, wo sich bei
schwacher Nachfrage und
anhaltendem Angebotsdruck die
Leerstände weiter erhöht haben.
-
-
Bei der Nachfrage auf dem
Wohnungsmarkt machte sich vor
allem der Einfluss rückläufiger
Einkommen bemerkbar. Zusammen
mit der massiven Steigerung der
Bautätigkeit führte dies dazu,
dass nach mehreren Jahren der
Wohnungsknappheit die Zahl der
Bewerber für frei werdende
Wohnungen abnahm. Die hohen
Mietsteigerungen der Vorjahre
konnten somit nicht mehr
durchgesetzt werden;
insbesondere im hochpreisigen
Segment kam es zu einem
Abbröckeln der Mieten.
Weitgehend ausgeglichen verlief
dagegen die Marktentwicklung bei
Einzelhandelsimmobilien."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Stichwort Büroimmobilienmarkt.
Man kann sicherlich derzeit
generell nicht von einer
positiven Trendwende in diesem
Marktsegment sprechen. Woran
liegt das?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Der westdeutsche
Büroimmobilienmarkt hat von der
stärker als erwartet
einsetzenden wirtschaftlichen
Belebung bisher nicht sehr
profitiert. Dies ist vor allem
darauf zurückzuführen, dass sich
trotz konjunktureller Erholung
der Beschäftigungsabbau weiter
fortgesetzt hat.
-
-
Nachdem im Jahresdurchschnitt
1993 die Zahl der Erwerbstätigen
in Westdeutschland um 460.000
Personen abnahm, war in 1994
nochmals ein Rückgang von
350.000 Beschäftigten zu
verzeichnen. Damit wurde eine
Expansion der Bürobeschäftigung
und entsprechend eine
zusätzliche Büroflächennachfrage
verhindert. Der
Beschäftigungsabbau ist nicht
nur eine Begleiterscheinung der
konjunkturellen Krise, sondern
vor allem Konsequenz der
massiven
Restrukturierungsbemühungen der
westdeutschen Wirtschaft."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Was sind denn die Leitbilder
dieser
Restrukturierungsaktivitäten?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Leitbilder sind die Konzepte
des Lean Management, die eine
Erhöhung der
Wettbewerbsfähigkeit durch
Effizienzsteigerung entlang
sämtlicher Stufen der
Wertschöpfungskette zum Ziel
haben.
-
-
Lean Management betrifft aber
nicht nur produzierende
Unternehmen, sondern in
zunehmendem Maße Banken,
Versicherungen und sonstige
Dienstleister.
Rationalisierungspotentiale
werden dort - wie in den
Verwaltungen der
Industrieunternehmen - in der
Verkürzung der
Entscheidungswege, der
Verringerung der Hierachieebenen
und der Auslagerung von
Funktionen (Outsourcing)
gesehen."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Welche Auswirkungen hat dies
gesamtwirtschaftlich gesehen?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Gesamtwirtschaftlich hat dies
in Zukunft - unabhängig von der
konjunkturellen Entwicklung -
Auswirkungen auf Umfang und
Struktur der Beschäftigung. Die
in den nächsten Jahren
(Prognosehorizont bis 1998) in
Westdeutschland erwartete
Aufschwungperiode wird lediglich
von einem verhaltenen
Beschäftigungswachstum begleitet
werden.
-
-
Wir rechnen insgesamt mit einer
leichten Zunahme der Zahl der
Erwerbstätigen. Das
produzierende Gewerbe baut
seinen Anteil an der Gesamtzahl
der Erwerbstätigen weiter ab,
während der
Dienstleistungssektor
entsprechend zulegt. Viele
Unternehmen aus dem Bereich der
Dienstleistungen profitieren vom
Trend zum Outsourcing von
Leistungen. Nach weitgehender
Ausschöpfung der
Rationalisierungspotentiale in
der Produktion trifft der auf
den Unternehmen lastende Druck
zu Personaleinsparungen vor
allem die Verwaltungen und damit
das Segment der
Bürobeschäftigten. Daher sind
trotz freundlicher
Wirtschaftsentwicklung dem
voraussichtlichen Zuwachs der
Bürobeschäftigung enge Grenzen
gesetzt."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Was ist mit der Entwicklung von
Leerständen im
Büroimmobilienmarkt?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Gegenüber den krisenhaften
Entwicklungen auf zahlreichen
Auslandsmärkten (vor allem USA,
Japan, Großbritannien,
Frankreich) haben sich die
westdeutschen Büromärkte in der
zurückliegenden Rezession als
vergleichsweise stabil erwiesen.
Gegenwärtig steht dem weiterhin
kräftig zunehmenden
Büroflächenangebot eine nur
geringe Nachfrage gegenüber;
folglich haben die Leerstände
zugenommen."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Das heißt auch, einen Trend zu
niedrigeren Mitpreisen
festzustellen?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Gegenüber den auf dem Höhepunkt
des Nachfragebooms kurzfristig
erzielten Spitzenmieten -
standortbedingt bis zu DM 90/m2
- sind mittlerweile Abschläge
von 15 bis 25 % marktüblich.
Hinzu kommen mietfreie Zeiten
und sonstige Nebenleistungen in
beträchtlichem Umfang.
-
-
Angesichts dieser für
potentielle Mieter vorteilhaften
Marktposition versuchen viele
Unternehmen aus ihren teilweise
technisch veralteten und
verkehrsungünstig gelegenen
Objekten in gut ausgestattete
Neubauten an attraktiven
Standorten zu wechseln. Der am
Markt zu beobachtende relativ
hohe Flächenumsatz erklärt sich
somit vor allem aus Ersatz-,
nicht aber aus Erweiterungs-
bzw. Zusatzbedarf.
-
-
Immobilien Manager:
-
"Wird denn der Ersatzbedarf
tendenziell zu einen größeren
Flächenbedarf führen?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Auch im Zuge des von uns
erwarteten wirtschaftlichen
Aufschwungs wird ein solcher
Bedarf nur begrenzt zunehmen.
Zum einen dürfte sich - wie
schon angeführt - die Zahl der
Bürobeschäftigten in den
nächsten Jahren nur langsam
erhöhen; zum anderen verstärken
sich die Anstrengungen zur
Reduzierung des
Pro-Kopf-Flächenverbrauchs
angesichts der Belastungen durch
den Kostenfaktor Büroraum.
-
-
Die Nachfrage konzentriert sich
in Zukunft vor allem auf
hochwertige Objekte in Toplagen,
die mit dem generellen
Mietpreisverfall relativ
attraktiver geworden sind. Für
solche Immobilien erwarten wir
keine weitere signifikante
Reduzierung des Mietniveaus.
Schwieriger wird es bei
Bestandsobjekten minderer
Qualität und Lagegunst, die mit
anhaltenden Leerständen auf den
Markt drücken werden. Erst
mittelfristig dürfte sich mit
einer deutlichen Reduzierung des
Angebots an Neubauflächen eine
generelle Verbesserung der
Marktsituation einstellen. Dies
setzt jedoch voraus, daß
zahlreiche Bauvorhaben auf Dauer
zurückgestellt werden."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Welche Entwicklungen werden die
regionalen Büromärkte nehmen?
Beispielsweise Hamburg und
Frankfurt."
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"In den einzelnen Bürozentren
sind angesichts der vorab
genannten Rahmenbedingungen die
Einflüsse der regionalen
Wirtschaftsstruktur der
spezifischen Standortfaktoren in
Zukunft besonders wichtig. In
Westdeutschland erwarten wir die
günstigsten
Wachstumsperspektiven für
Hamburg und Frankfurt.
-
-
Der Zuwachs der
Bruttowertschöpfung dürfte hier
im Prognosezeitraum gut 1/2
Prozentpunkt über dem
westdeutschen Durchschnitt
liegen. Entsprechend kommt es zu
einer Verbesserung der
Beschäftigungssituation, so daß
bis 1998 die Zahl der
Bürobeschäftigen um 5 %
(Hamburg) bzw. 6,5 % (Frankfurt
am Main) steigen wird. Trotzdem
werden auch hier aufgrund der
Expansion des
Büroflächenangebots steigende
Leerstände zu beobachten sein -
schwerpunktmäßig in den
City-Randlagen und der
Peripherie.
-
-
Das Fertigstellungsvolumen bis
1998 beträgt in Hamburg 800.000
m2 und in Frankfurt 650.000 m2;
die korrespondierenden zu
erwartenden Bedarfszahlen liegen
bei 695.000 m2 (Hamburg) und
566.000 m2 (Frankfurt). In
Hamburg dürften sich die Mieten
für Topobjekte in besten Lagen
auf einem Niveau von DM 40 bis
45/m2 stabilisieren; in
Frankfurt liegen die
entsprechenden Werte bei DM 55
bis 65/m2. Für den Fall, dass
angesichts der derzeit sehr
verhaltenen Stimmung ein
nennenswerter Anteil der
Bauvorhaben zurückgestellt wird,
könnte sich der Markt in der
Frankfurter Innenstadt sogar
relativ zügig wieder erholen."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Wie sieht es beispielsweise auf
den Märkten in Düsseldorf,
München oder Stuttgart aus?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Hier rechnen wir in Zukunft mit
einer schwierigeren Problemlage.
Die wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen erlauben hier
allenfalls ein
durchschnittliches
Wirtschaftswachstum.
-
-
In Düsseldorf erwarten wir bei
einem kumulierten Bedarf von
220.000 m2 bis 1998 ein
Fertigstellungspotential von
700.000 m2 Bürofläche (Zuwachs
der Bürobeschäftigten: 3 %). Die
Leerstände, insbesondere in den
peripheren Lagen, werden stark
zunehmen, falls dieses Potential
realisiert wird.
-
In München ist das
Missverhältnis zwischen dem zu
erwartenden Bedarf (360.000 m2
bei 2 % Zuwachs der
Bürobeschäftigung) und der neu
auf den Markt kommenden
Bürofläche (ca. 1 Million m2)
noch gravierender. Die
Leerstandsquote wird hier
deutlich ansteigen, vor allem in
den Randlagen.
-
-
In Stuttgart kommen nur ca.
300.000 m2 neue Bürofläche auf
den Markt. Allerdings ist auch
hier die erwartete Nachfrage mit
191.000 m2 viel zu gering, um
einen Anstieg der
Leerstandsquote zu verhindern.
Ungelöste Strukturprobleme
begrenzen das wirtschaftliche
Wachstum und die
Beschäftigungsentwicklung
(Bürobeschäftigte +2 % bis
1998).
-
-
Trotz der von uns
prognostizierten generellen
Vermietungsschwierigkeiten
dürften auch in Zukunft die
Mieten für Topobjekte in
Innenstadtlagen kaum weiter
sinken. Sie werden bei DM 35 bis
40/m2 in Düsseldorf, DM 30 bis
35/m2 in Stuttgart und DM 40 bis
45/m2 in München liegen."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Und was ist mit Berlin?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Sehr unübersichtlich ist
derzeit die Situation auf dem
Berliner Büromarkt.
Unsicherheiten über Zeitpunkt
und Modalitäten des
Regierungsumzuges und die
weitere wirtschaftliche
Entwicklung äußern sich in einer
verhaltenen Nachfrage.
Gleichzeitig nimmt das Angebot
aufgrund expansiver Bautätigkeit
stark zu.
-
Basis unseres Büromarktszenarios
für Berlin ist die Übernahme
qualifizierter
Hauptstadtfunktionen innerhalb
des beschlossenen Zeitrahmens.
Dann sehen wir bis 1998 bei
einem Wirtschaftswachstum von
real 4 % p.a. in Berlin 50.000
Büroarbeitsplätze neu entstehen.
-
-
Daraus resultiert ein
Gesamtbedarf von 2,5 Millionen
m2 Bürofläche. Trotz dieser
Nachfrageexpansion dürfte es zu
steigenden Leerständen kommen,
wenn das von uns bis 1998
geschätzte
Fertigstellungspotential von ca.
3,3 Millionen m2 realisiert
wird. Für Topobjekte in
Spitzenlagen rechnen wir mit
Mieten zwischen DM 45 und 50/m2.
Entscheidend für die
Vermietbarkeit einer Immobilie
wird dann die Qualität des
Mikrostandorts sein."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Blicken wir vielleicht noch auf
Leipzig und Dresden."
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Trotz hohen
Wirtschaftswachstums ist auch
hier ein Überangebot an
Büroflächen absehbar, da die
Zahl der Bürobeschäftigten und
damit die Nachfrage nicht im
gleichen Maße wachsen werden.
Hiervon werden jedoch nicht
solche Objekte betroffen sein,
die eine hervorragende Lagegunst
und sehr gute Qualitätsmerkmale
aufweisen. Tendenziell dürfte
sich der Leipziger Markt etwas
freundlicher entwickeln.
-
-
Immobilien Manager:
-
"Was tut sich zukünftig auf dem
Markt für Einzelhandelsflächen?"
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Auf dem Markt für
Einzelhandelsflächen in
Westdeutschland hat sich der
Einfluss rückläufiger
Einzelhandelsumsätze bisher noch
nicht negativ bemerkbar gemacht.
Der Stabilität des Marktes kommt
zugute, daß das Angebot an
Ladenflächen in Toplagen
naturgemäß begrenzt ist.
-
-
Allerdings ist der Anstieg der
Mieten abgeflacht bzw. auf hohem
Niveau zum Stillstand gekommen.
Trotz der auch 1995
voraussichtlich rückläufigen
Einzelhandelskonjunktur (Umsätze
real minus 0,5 bis 1 %) dürften
die Mieten kaum unter Druck
geraten. Lediglich bei größeren
Flächen, in Nebenlagen sowie in
besonders von Arbeitslosigkeit
betroffenen Städten ist mit
einem Abbröckeln der Mieten zu
rechnen."
-
-
Immobilien Manager:
-
"Vielleicht noch ein Blick auf
die Entwicklungen des deutschen
Wohnungsmarktes."
-
-
Professor Norbert Walter:
-
"Auf den westdeutschen
Wohnungsmärkten hat sich die
Situation in den letzten Monaten
deutlich entspannt. Die Zahl der
Bewerber für frei werdende
Wohnungen nahm ab, so dass die
hohen Mietsteigerungen der
Vorjahre insbesondere im
hochpreisigen Segment nicht mehr
durchgesetzt werden konnten.
-
-
Hierzu hat neben der
Abschwächung des
Zuwanderungstrends und dem
Rückgang der real verfügbaren
Einkommen vor allem die
dynamische Neubautätigkeit
beigetragen. Die Zahl der
Wohnungsfertigstellungen
verdoppelte sich von 1988 bis
1993 auf 432.000. Im vergangenen
Jahr sind über 500.000 Wohnungen
gebaut worden.
-
-
Die Wohnungsnachfrage wird sich
nach unserer Einschätzung auf
mittlere Sicht aber kaum
abschwächen. Auf absehbare Zeit
besteht ein jährlicher
Neubaubedarf von 500.000 bis
550.000 Wohnungen, der sich vor
allem im Zuge der erwarteten
Verbesserung der
Einkommensperspektiven auch als
Nachfrage am Markt artikulieren
wird.
-
-
In Ostdeutschland werden die
quantitativen und qualitativen
Defizite der Wohnraumversorgung
trotz starker Dynamik der
Bautätigkeit erst schrittweise
beseitigt. Trotzdem rechnen wir
mit Problemen bei Objekten, die
eher an den günstigen
steuerlichen Rahmenbedingungen
vor allem westdeutscher
Investoren als an den
Vermietungschancen in den neuen
Bundesländern ausgerichtet sind.
-
-
Die zum wirtschaftlichen Erfolg
erforderlichen Mieten werden
auch von der in den nächsten
Jahren noch schwächeren
Kaufkraft der Bevölkerung häufig
nicht getragen.
-
-
Immobilien Manager:
-
"Vielen Dank, Herr Professor
Walter, für das Gespräch."
-
-
Mit Professor Dr. Norbert Walter
sprach "Immobilien-Manager"
Reporter Helmut Peters.
-
-
Redaktion: Helmut Peters